140 Wagen westwärts - Teil 3 des Rallye-Rückblicks

Recz - Ziel aller Bemühungen, Mecka der Flussquerungen, Moorlöcher und langen Waldwege. Als wir gegen 23 Uhr Recz erreichten, war es schon dunkle Nacht und es goss in Strömen. Unser primäres Ziel galt dem Finden des Service-Teams mit LKW. Da sich das Camp sich dieses Jahr nur auf einer Seite des Platzes befand, war es zum Glück nicht allzu schwierig. Kurz nach unserer Ankunft lies der Regen auch merklich nach. Es war zu spät für Reparaturen und nur eine heiße Dusche trennte uns noch vom ersehnten Bett. Wir hofften, dass auch Thomas und Tanja nicht dem Wahn verfallen waren und sich in die zweite Wertungsprüfung über Nacht gestürzt hatten. Doch man traf beide guten Mutes trocken unter ihrem Tarp sitzend. Wir schlossen den Patrol ab, schnappten uns Thomas + Tanja sowie unsere Duschsachen und zogen gen Hygienekabinen. - Waren nur 500m zu Fuß und wir konnten uns endlich aufwärmen und vom Schlamm des Tages befreien. Der Plan sah vor, die notwendigen Wartungsarbeiten am nächsten Morgen durchzuführen, da nach der Marathonetappe für alle ein halber Ruhetag geplant war und die ersten Motorräder erst gegen 11 Uhr an den Start gehen würden. So lagen wir dann auch alle ab ein Uhr nachts in unseren praktischen Wurfzelten und schlummerten bei wiederum Regen und starkem Sturm.

Der nächste Morgen, leichter Niesel und kurze Sonnenphasen lieferten sich einen stetigen Wechsel. Holger überraschte uns wie immer mit heißem Espresso und Cappuchino. Wach werden fällt so um einiges leichter. Was stand für heute Vormittag an? - Genau, der Patrol brauchte etwas Zuneigung. Auf der Motorhaube prangte eine halbe Fischbüchse als Anschlag für den Scheibenwischer und trotz nächtlichem Regen, was das ganze Fahrzeug noch weitestgehend verdreckt. Zudem musste auf jeden Fall der Kühlerschlauch repariert werden.

Die Sache mit dem Schlauch war relativ fix erledigt. Da der Riss sich direkt an der Wasserpumpe befand, kürzten wir den Schlauch um ca. 7cm und zogen ihn mit etwas Spannung wieder über die Siecke. Das dauerte keine 20min. Für den Scheibenwischer fanden wir ein passendes Stück Edelstahl in unserer Fundgrube im LKW. Es musste nur ein Loch auf 8mm aufgebohrt werden. Gesagt, versucht, verzweifelt. Wir hatten in 8mm insgesamt 5 HSS (Hart-Schnell-Stahl) Bohrer dabei und machten nun die leidige Erfahrung, dass der japanische Edelstahl um einiges zäher war, als das Material des Bohrers. Trotz Schmierkühlung mittels Schneidöl, rauchte sich der Bohrer in Sekunden auf. Wir versuchten es mit einem titannitrit-beschichteten 9mm Bohrer. Auch keine Chance. Der Bohrer wurden kleiner, das Loch aber nicht größer. Es dauerte knapp eine Stunde und kostete insgesamt 6 verschiedene Bohrer, bis ich die gewünschten 8mm erreicht hatte. Wir wissen wirklich nicht, was für Edelstahl Nissan produziert, aber er muss verdammt stabil sein. Wie dem auch sei - Statt einer Büchse "Makrelen in Gemüse-Soße", war nun ein schmaler Streifen Edelstahl angeschraubt worden und bildete für den Scheibenwischer den unteren Anschlag. Weiterhin entfernten wir aus dem Doppelwischer-Blatt jeweils einen Wischstreifen, damit der Motor bei Schlamm auf der Scheibe nicht soviel Widerstand entgegenwirken musste. Wir kärcherten den Patrol sauber, füllten Trink- und Kühlwasser nach und zogen endlich die Silverstone-Riesenräder auf.

Bisher waren wir ja auf abgefahrenen alten MT-Reifen der Größe 33x12.5R15 (315/72R15) und Marken "White Climber" (Vorderachse) bzw. "BFGoodrich MT" (Hinterachse) unterwegs. Aber schon in der zurückliegenden Etappe wurde klar, dass wir nun größeres Geschütz auffahren müßten, um noch genügend Traktion in den Gebieten um Recz zu bekommen. Die Silverstones haben die Dimension 285/85R16 und entsprechen zöllisch gesehen etwa 36er MT Reifen. Wir haben das Profil nachschneiden lassen, um noch mehr Grip im Schlamm zu bekommen. 6 Lagen Polyester schützen die Flanken vor ungewolltem Platten durch äußere Einflüsse. So gerüstet waren wir nun endlich bereit für die nächste Etappe.

Es stand an: Ein 65km Rundkurs. Gleich am Anfang eine Navigationsschikane. Ein CP war 3.5km Luftlinie entfernt. Die Strecke zum Fahren sollte aber etwa 7km lang sein und es war nur die Kompasszahl von 155 Grad bekannt. Wenn man am Ausgangspunkt stand und in Richtung 155 Grad blickte, stand man vor einem unbezwingbaren Moor - Keine Chance und es hat auch niemand probiert. Umfahren hieß die Devise. Wir folgten einigen anderen Fahrzeugen und sahen, wie diese "bessere" Flussquerungen fanden - Und Ratz Fatz erstmal stecken blieben. So suchten wir uns alleine einen anderen Weg und machten einen größeren Bogen um das nasse Geschehen. Überraschenderweise gab es 500m weiter nicht nur keinen Fluss mehr, sondern auch eine hoch gelegene trockende Passage. Wir überholten somit geschätzterweise 20 Fahrzeuge und suchten nun auf freiem Feld den CP. Mittels reversem GPS-Tracklog berechneten wir die ungefähre Position und fuhren nun kreuz und quer auf Waldwegen (gerade Strecke gab es nicht), bis wir einen freundlichen weissen Schirm am Waldesrand fanden. Heureka erneut - den Checkpoint in Rekordzeit gefunden und sogar weniger als 7km gefahren. Große Freude im Fahrzeug, kleine Feier. :-) Ab hier wurde die Strecke immer schlammiger. Wir überholten Stück für Stück Fahrzeuge und kämpften uns Minute für Minute weiter nach vorne. Irgendwo in der Etappenmitte kamen wir am "Sportplatz" an. Dort hing der Versuz MAN von Anja Denier halb quer im Wald und einige andere große LKWs versuchten sich gegenseitig zu bergen. Stau vor einer Schlammpassage. Wir kürzten nach ca. 20min warten durch den Wald ab und passierten die anschließende Flussquerung tatsächlich trockenen Fußes und ohne den Einsatz eines Windenseils. Die Stimmung war grandios und Patrick fuhr wie ein junger Tom Cruise in Top Gun :-) Nach etwa 40km verloren wir einen Radbolzen, da sich die Räder gelockert hatten. Wurde vor Ort nachgezogen und weiter gings. Gegen Etappenende passierte das für uns schier Unfassbare: Es gab quasi keine eingefahrenen Spuren mehr. Wir hatten uns soweit vorgeschoben, dass ich als Navigator wieder gefordert war. Gegen 17 Uhr der Höhepunkt der Freude - Das Ziel vor Augen. Klaus Leihener begrüßte uns persönlich und erkundigte sich nach dem Treiben am Sportplatz. Laut einem Freund der dieses Jahr als Streckenposten unterwegs war, hatten wir nicht nur eine perfekte Zeit, sondern waren auch eines der ersten Fahrzeuge im Ziel. Genug Zeit zum Duschen und in den Ort fahren - Wir waren aber zu dämlich einen Supermarkt zu finden und zogen wieder von Dannen.

Am nächsten Tag wiederholte sich quasi der Vortag. Die Etappe war doppelt so lang (ca. 120km) und wir fuhren wieder berauschend positiv und ambitioniert. An einem kleinen idyllischen Wasserloch mitten im polnischen Wald nutzten wir die Chance und befreiten ein französisches Team aus dem sumpfigen Untergrund...Ein Unimog war bereits zuvor gescheitert, aber mit Winde + Umlenkrolle und Hecksicherung am Baum, bekamen wir die Jungs endlich frei. 2h später hingen wir dann auf freier Fläche im Wasser fest und jenes Team kam vorbei und befreite uns - So soll es sein. Teamwork par excellence. (Leider hatten die Jungs später Motorschaden und erreichten nicht das Ziel). Wir waren heute morgen aufgrund des guten Vortagsergebnisses recht früh gestartet und somit auch sehr früh wieder im Camp. Kurz gesagt: Ein schöner Tag und Platz 25 in dieser Etappe. Insgesamt sind wir nun von Platz 90 auf Platz 58 der Gesamtwertung vorgefahren. Der Patrol sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. 300l Wasser bei 120bar Druck korrigierten dies nach ca. 30min :-)

Tag 8 - Final Stage, die letzte Etappe. Zweimal 50km Rundkurs, Start in Gruppen zu je 20 Fahrzeugen. Terrain: Recz, Recz und nochmals Recz. Sie erinnern sich - Die letzten beiden Tage waren auch schon Recz. Wir erwarten (nach nächtlichem Regen) Schlamm, Wasser und erneut Schlamm. Man könnte auch sagen, dass streckenweise 50cm tiefe Schmierseife auf die Wege gekippt wurde, nur etwas stinkender.

Schon in der ersten Runde gab es Staus an Hindernissen. Unser Kühler vorne war bald komplett dicht, so dass der Heckkühler viel zu tun hatte. Der Scheibenwischer kämpfte gegen Spritzschlamm, verlor oft die Schlacht und hing fest. Die Widrigkeiten wurden immer größer, aber wir kämpften weiter und erreichten nach einigen Stunden das Ziel zum ersten mal - Nunja, zweite Runde, neues Glück. Aber es war erschreckend leer auf der Piste. Wir wurden selten überholt und trafen kaum mehr andere Teilnehmer, was in gewisser Weise beunruhigend war. Langsam ging es voran, viele Abkühlpausen für den Motor, oft musste der Scheibenwischer angestupst werden. An einer Flussquerung fuhren wir zwar souverän durch das Wasser, hingen aber in der anschließenden Auffahrt im (raten Sie mal) Schlamm fest. Das Team von KOS Motorsport, dass auch am laufenden Band Kühlpausen einlegte, zog uns ein Stück raus. Leider hatte sich der Rücklaufstopper an der Warn 8274 Frontwinde durch Schlammeinschlüsse verklemmt und somit machte es kurzherhand "Krack" und die Winde war sprich wörtlich über die Wupper gegangen. Es ging weiter ohne Frontwinde. Nach geschätzten 20km beschwerte sich Patrick über ein zu bockiges Fahrwerk. Kunststück - Der linke Federschäkel an der Vorderachse war gegen den Rahmen umgeklappt und klemmte die Feder nun stark gebogen ein. Wir hatten es vor der Rallye nicht mehr geschafft, einen Umklappschutz einzubauen und zahlten nun die Rechnung. Die Breslau verzeiht keine Fehler, soviel war uns bis jetzt auf jeden Fall klar geworden. Mittels des Hi-Lifts und der Radschraubenfestziehverlängerung konnten wir ihn aber zurückklappen und weiterfahren. Den verbogenen Hi-Lift stellten wir als Mahnung für minderwertiges Material am Wegesrand ab. (Hi-Lift verbogen, sehr witzig. War eine billige Kopie namens Farmjack). Ganz kurz vorm Ziel, das Wetter war gut geworden, die Sonne lachte über den Zenit, trafen wir unsere Campnachbarn von Tharsis Racing wieder. Sie standen in einer kleinen Mulde - Der Sprit war alle und es fehlten nur 2km zum Ziel. Wir zogen sie ein Stück heraus, damit der Unimog sie bergen konnte und fuhren gemütlich weiter.

Noch 500m - Die Zielflagge wehte majestätisch im Wind. Da war es, unser lang ersehntes Ziel. Würden wir durch diesen Bogen fahren, hätten wir es geschafft und die diesjährige Breslau besiegt. 3-2-1-Jippi. Natürlich schafften wir die letzten 500m auch noch und feierten unseren Triumph über alle Probleme und Fiesematenten der letzten Woche. Wir erfuhren dann noch, dass viele Teilnehmer die letzte Etappe schon nach einer Runde abgebrochen hatten und die Orga wegen eines Staus überlegte, sie vorzeitig zu beenden. Wir waren da - Angekommen bei schönstem Sommerwetter.

Ab nun ging alles schnell. Wir packten alles zusammen und wollten nur noch heim. Da Holger und Uwe am nächsten Tag noch einen langen Heimweg haben würden, erschien dies sehr sinnvoll. Die Heimfahrt gestaltete sich angesichts der Probleme des Fahrzeugs noch sehr angenehm. Die Kupplung schliff, über 80km/h ging nichts, die Servolenkung fiel aus, die Bremse versagte bald und auch die Blinker blieben dunkel. Dank der H4 Lampen, die uns ein befreundeter Forumsnutzer ins Camp brachte, hatten wir wenigstens funktionierende Scheinwerfer. Es war 3.45 Uhr in der früh, als wir in Limbach-Oberfrohna eintrafen.

Damit endet diese kleine Geschichte eigentlich. Ich möchte mich an dieser Stelle aber unbedingt noch bei allen Beteiligten für die schöne Zeit bedanken. Holger und Uwe für die Unterstützung und Ausdauer, Tanja und Thomas für den Spass, Patrick fürs Fahren und die Geduld mit meinen Navigationsmacken und dem Patrol für das Durchhaltevermögen. Er (der Patrol) starb noch am gleichen Tag und wurde in Anfängen von uns demontiert. Wir fanden unter anderem einen beidseiten Rahmenbruch vorne und insgesamt soviele Fehler, dass eine Reparatur nicht mehr sinnvoll erschien.

Drei Tage später gabs dann auch die Ergebnisse online: Platz 50 gesamt und Platz 30 in der reinen PKW Wertung. Und das mit einem Low-Budget-Projekt, dass auf einem 20 Jahre alten Fahrzeug basierte, was wir für 800 Euro kauften und in kurzer Zeit wieder aufbauten und modifizierten. Nächtest Jahr ruft schon. Wir sind auf jeden Fall dabei und wollen mit einem Range Rover Prototyp-Umbau dabei sein. Der ist auch 20 Jahre alt, aber um einiges leichter und hat von Hause aus ein besseres fahrwerk. Wir hoffen, einen Projektpartner zu finden, der uns etwas unter die Arme greift...So als reines Hobby, geht das langsam doch arg ins Geld.

Einige Bilder gibt es hier: http://www.rallyepatrol.de/index.php?content=pics (die oberen beiden Galerien)

Videos: https://www.marathonrally.com/dresdenbreslau/index-archiv.html
(...-Tag3 und ...-Tag7 anschauen) Die Live-Mitschnitte unserer Cockpit- und Inboardcam folgen demnächst auf DVD.

Kurzum: Es war großartig - Auch ein riesen Kompliment und Dank an die Orga (breitengrad.com) für das gelungene Event und die teilweise unwirklich anmutenden Herausforderungen.

Nicht mehr lange
 
 
 
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